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Warum Gewalt keine Lösung ist?

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Aus gegebenem Anlass (Gewaltanwendung bei angeblich aggressiven Hunden durch Herrn Grewe und Herrn Fass) möchten wir uns einmal kurz und einfach dieser Thematik in der Hundeerzieung widmen - losgelöst vom eigentlichen Video, welches bereits ausreichend analysiert wurde - und dies sogar manchmal treffend. Obwohl Gewalt grundsätzlich niemals ein geeignetes Mittel der Hundeerziehung darstellt, möchten wir uns aus o.g. Anlass speziell mit der Frage befassen, warum Gewalt kein geeignetes Mittel in der Korrektur aggressiver Verhaltensweisen von Hunden sein kann. Ein Versuch, die sehr komplexe Problematik einfach und zusammengefasst zu formulieren.

Bevor man sich mit dieser Frage beschäftigt, sollte man zunächst Klären was Aggression überhaupt ist. Viele Menschen setzen dies mit Angriffen oder Beissattacken eines Hundes gleich und das ist falsch. Aggression wird stets negativ bewertet, was ebenfalls falsch ist. Man muss sich zu aller erst bewusst machen, dass absolut jedes Lebewesen aggressiv ist. Sicherlich in verschiedenen Formen und mit unterschiedlichen Reizschwellen. Auch wir Menschen sind aggressiv. Auf Hunde bezogen bedeutet Aggression i.d.R. keinesfalls sinnlose Angriffe auf andere Hunde oder Menschen. Zum Verhaltenskreis der Aggression gehören zahlreiche Verhaltensweisen wie Imponierverhalten, Drohungen, Scheinangriffe, Abschnappen, ritualisierte Kämpfe,  sowie natürlich auch Ernstkämpfe. Aggression ist wichtig und notwendig. Sie stellt ein umfangreiches Repertoire zur Kommunikation und ermöglicht Hunden auf diese Weise Konflikte zu lösen, ohne dass es zu ernsten Verletzungen oder dem Tode kommt, da agressive Kommunikatino verstanden und auch ritualisiert erwidert werden kann.  Damit ist Aggressionsverhalten  ein  äußerst wichtiger biologischer kommunikativer Funktionskreis, welcher zur Arterhaltung beiträgt Dabei durchläuft ein Hund verschiedene Aggressionsstufen und beginnt i.d.R. nicht mit der höchsten Eskalationsstufe. Ferner muss man u.A. zwischen offensiven und defensiven Aggressionsformen unterscheiden.

 

 

Natürlich bedeutet das NICHT, dass es OK ist, wenn ein Hund gegenüber einem Menschen abschnappt. Man kann nicht von allen Menschen korrekte Interpretation der hündlichen Körpersprache erwarten und es ist in der Tat nicht akzeptabel dass ein Hund einen Menschen (aus Menschensicht) grundlos beisst - unabhängig der Schwere der Bisse.

Zeigt ein Hund aggresives Verhalten mit Tendenz zum Biss, muss dem natürlich entgegengewirkt werden, damit ein problemloser und ungefährlicher Umgang möglich ist. An dieser Stelle stellt sich die Frage nach dem "Wie?". Hundeerziehung, oder Erziehung allgemein bedeutet Verhaltensbeeinflussung. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten ein Verhalten zu beeinflussen. (Mehr dazu z.B: hier ) Wie bekannt, ist es theoretisch auch möglich ein Verhalten abzustellen, indem man diesem unangenehme Konsequenzen wie zum Beispiel Schmerz oder Schreck zufügt. Gemäß allgemein gültiger Lerntheorien wird der Hund das "bestrafte" Verhalten seltener zeigen. Eine extreme Einwirkung kann augenscheinlich zu sofortigen Ergebnissen (wie im Video) führen. Häufig wird dies zu Showeffekten (wie im Video) angewandt, hat jedoch mit nachhaltiger Hundeerziehung nichts zu tun! Nun ist diese Vorgehensweise grundsätzlich allein schon aus ethischen Gründen abzulehnen. Es gilt immer der Grundsatz: Wer in der Hundeerziehung Gewalt einsetzt ist entweder zu faul oder zu doof es anders zu machen. Speziell beim Training welches darauf abzieht, aggressives Verhalten gegen Menschen (oder anderen)  abzustellen, kommt, neben den ethischen und rechtlichen Gründen, ein weiterer Aspekt zum tragen.

Wie bereits geschrieben, passiert Aggression nie grundlos und verläuft über steigende Stufen der Aggression, wenn sie nicht verstanden wird. In den meisten Fällen (wie auch hier im Video) dienen aggressive Kommunikationsformen der Wahrung der Individualdistanz bzw. Abstandvergrößerung. In der Regel (wie auch eindeutig hier im Video) geschieht dies aus Unsicherheit bis Angst. Werden Drohsignale ignoriert, so folgen weitere Schritte bis zum Biss. Besonders an der Leine hat der Hund wenig andere Alternativen, da er sich einer bedrohlichen Situation nicht entziehen kann. Kurz zusammengefasst und vereinfach ausgedrückt, bedeutet das, dass der Hund letztlich zuschnappt weil er sich vom betroffenem Menschen bedroht fühlt, seine Signale ignoriert werden und er sich nicht entziehen kann. Reduziert auf das eigentlich Problem bedeutet das, dass der Hund zuschnappe, weil er sich vom betroffenem Menschen bedroht fühlt. Und hier liegt das eigentliche Problem.

Wenn man aggressive Verhaltensweise durch eine negative Einwirkung zu korrigieren versucht, so bestehen hier,neben ethischen Gesichtspunkten,  einige Probleme. Zum einen korrigiert man lediglich das Ausdrucksverhalten, also die Symptome,  jedoch nicht die Ursache Der Hund läuft Gefahr die Verknüpfung zu lernen: Wenn ich warne, knurre, belle, Zähne zeige , oder Ähnliches (also kommuniziere und Abstand einfordere) hat das für mich negative Konsequenzen. Also unterlässt der Hund dies auch. Das Problem: An der Ursache ändert sich nichts. Der Hund fühlt sich weiterhin bedroht und in die Enge getrieben. Er ist genauso verunsichert und hochgradig erregt. Dies steigert sich noch, da er sich nicht mehr mitzuteilen traut.  Er reisst sich lediglich gewissermaßen zusammen, weil er für Kommunikation bestraft wurde. Das Result liest man häufig in Zeitungen: Hund beisst plötzlich ohne Vorwarnung. Was soll so ein Hund tun? Er sieht sich bedroht, er darf keinen Abstand einfordern, weil das bestraft wird, das Herrchen unternimmt nichts, der Hund kann nicht weg, die Bedrohung steigt immer weiter an. Letztlich hat er aus Hundesicht keine andere Möglichkeit mehr, wenn die Bedrohung nicht verschwindet, als direkt in einer der letzten Eskalationsstufen einzusteigen - dem Ernstbiss.

Erschwerend kommt hinzu, dass bei derartigen Maßnahmen, die klassische Konditionierung vollkommen außer Acht gelassen wird. Wie heisst es so schön? Pawlow sitzt immer auf Deiner Schulter. (Mehr dazu hier .)  Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, dass ein Hund die zugefügte negative Einwirkung nicht nur mit seiner aggressiven Kommunikation (was schlimm genug ist) verknüpft, sondern zusätzlich mit der Situation. Mit der Situation, die er ohnehin schon bedrohlich findet. (Wie zum Beispiel fremde Menschen die frontal auf dem Hund zu nahe zukommen). Die bedrohlich und Aggression auslösende Situation wird also noch bedrohlicher und löst damit noch mehr Aggressionen aus Angst aus, welche zunächst lediglich aufgrund der Strafe unterdrückt werden - bis sie sich in letzter Stufe entladen können. Mit Gewalt trainiert man also keine Aggressionen ab, sondern macht Hunde nur gefährlicher. Gewissermaßen zu tickenden Zeitbomben.

Was also tun?

Wenn wir nun also voraussetzen, dass Gewalt und negative Einwirkung die Situation letztlich lediglich verschlimmern, bleibt nur eine andere Alternative. Die Ursachen bekämpfen.'
Zunächst muss man Managementmaßnahmen treffen, damit es während des Training nicht zu Verletzungen kommen kann. Zum Beispiel einen Maulkorb, oder eben ein vorausschauendes Handeln des Hundeführers. Anschliessen muss man sich also den Ursachen widmen. Die Ursachen vor allem erkennen und anschliessend abstellen. Habe ich also beispielsweise (nur als ein willkürliches Beispiel) einen Hund, der aus Angst vor Berühfung fremder Menschen  aggressiv reagiert, so muss ich also daran arbeiten, dass der Hund diese Angst verliert. Schwierig und wichtig ist jedoch hier die Erkennung der korrekten Ursache, da diese sonst nicht abstellbar ist. Vielleicht nutzen viele Trainer aus diesem Grunde Gewalt, da sie nicht in der Lage sind die Ursachen zu erkennen oder schlicht zu faul sind langfristig daran zu arbeiten.

Wie man solche Ursachen bekämpfen kann, muss an anderer Stelle besprochen werden, da dies hier den Rahmen sprengen würde. Gegenkonditionierung soll als ein mögliches Beispiel genannt werden. Hierbei sei jedoch angemerkt, dass für jeden Hund und jede Ursache ein individuelles Maßnahmenpaket erstellt werden muss.

 

 

 

 

 

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